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    Giessen an der Lahn
        

Über Giessen gibt es gar nicht sehr viel zu sagen. Der bewegendste Tag in der Geschichte Giessens war sicherlich der 6. Dezember 1944. Mein Großvater, Heinrich Jung, erzählte mir davon. An diesem Tag hatte er Nachtschicht im Manganbergwerk in Großen Linden, wo er als Fahrhauer beschäftigt war. Als plötzlich der Strom weg war, ahnte er nichts Gutes. Es blieb ihm nur eine Möglichkeit, nämlich über einen Notausstieg (Metalltreppenleiter) nach oben zu klettern, denn der Aufzug lief nicht mehr. Sind Sie schon einmal 100 Meter auf so einer Leiter im dunkeln in einer engen Röhre an die Oberfläche gekrabbelt? Ich jedenfalls nicht und hoffe so was wird mir erspart bleiben. Wie auch immer, beim Nachobenklettern sah er einen blutroten Himmel. Es war unschwer zu erraten, was das zu bedeuten hatte. Der Himmel war blutrot, obwohl Großen Linden ca. 7 km vom Stadtzentrum entfernt ist. In der Nacht des 6. Dezembers 1944 kamen alliierte Bomber über Kassel auch nach Giessen. Das Ziel ihrer Bomben war wohl die Zerstörung der Nord-Süd Hauptverbindungsbahnstrecke, die Vernichtung des Bahnhofs in Giessen. Da der Bahnhof mitten in der Stadt liegt, wurde nicht nur der Bahnhof in Schutt und Asche gelegt, sondern beinahe die ganze Stadt gleich mit. Sehr schade, gab es doch in Giessen einen gut erhaltenen, alten Stadtkern. Wenn Sie wissen wollen, wie der Stadtkern etwa ausgesehen hat, besuchen Sie einmal das Freilichtmuseum Hessenpark im Taunus, zwischen Usingen und Bad Homburg gelegen. Wenn ich mich nicht irre, so ist der dortige Marktplatz (ohne Eintrittsgebühr zugänglich), als Nachbau mit ehemaligen Wohnhäusern aus Giessen bestückt.

Heute ist Giessen so beschaulich, wie wohl zu Liebigs Zeiten, der 1824 als 21 jähriger an der hiesigen Universität zum Professor für Chemie ernannt wurde. Schon Liebig schrieb damals, in Giessen könne man sich gut auf die Arbeit konzentrieren, Ablenkung oder gar Zerstreuung bräuchte man nicht zu fürchten. Daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Nicht verschweigen sollte man allerdings, daß Wilhelm Conrad Röntgen von 1879 bis 1888 als Professor für Physik in Giessen tätig war, bevor er nach Würzburg berufen wurde, wo er 1895 die X-Strahlen entdeckte, die heute im deutschen Sprachraum als Röntgenstrahlen bezeichnet werden. Röntgen wurde für diese Entdeckung nur 6 Jahre später (1901), mit dem ersten Nobelpreis für Physik geehrt. Übrigens hatte Röntgen damals auf die Patentierung seiner Erfindung, des Röntgenapparates, verzichtet - diese Tatsache hat wohl maßgeblich zur schnellen Verbreitung des Röntgengerätes geführt.

Aber warum Giessen? Dort haben wir 1998 unser Labor für DNA-Analytik gegründet. Im November 2010 sind wir dann nach Göttingen umgezogen.

 

 

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